Seit 15 Jahren Hilfe über Sprachgrenzen hinweg

Der Verein Kleine Herzen Hannover blickt auf 15 Jahre Dolmetscherdienst in der Kinderkardiologie der Medizinischen Hochschule Hannover zurück. Das gemeinsam mit dem Ethno Medizinischen Zentrum initiierte Projekt unterstützt Familien mit sprachlichen Hürden in einer besonders belastenden Lebenssituation und gilt inzwischen bundesweit als Vorbild.

Vor 15 Jahren erkannte Ira Thorsting vom Verein Kleine Herzen Hannover den Bedarf an qualifizierter sprachlicher Unterstützung in der Kinderklinik der MHH. Um die Finanzierung der Einsätze zu sichern, sammelte der Verein Spendengelder und nahm Kontakt zum Ethno Medizinischen Zentrum auf. Dessen Geschäftsführer Ramazan Salman und Thorsting brachten das Projekt gemeinsam auf den Weg. Während das EMZ die Organisation übernahm, kümmerten sich die Kleinen Herzen um die Finanzierung. „Gerade wenn es um die Gesundheit geht, um Diagnosen, Therapien, Medikamente und Heilungsprognosen, ist es enorm wichtig sich richtig zu verstehen“, betont die Vereinsvorsitzende. Dr. Michael Sasse, leitender Oberarzt der Pädiatrischen Kardiologie und Intensivmedizin, unterstreicht die Bedeutung für den Klinikalltag. Der muttersprachliche Austausch sei die einzige Möglichkeit, auf die Familien zuzugehen, den gemeinsamen Weg aufzuzeigen und Ängste zu nehmen.

Nach Angaben der Beteiligten wirkte das Projekt über die MHH hinaus als Vorbild für andere Stationen und Kliniken. Nach dem Zuzug vieler Geflüchteter wurde das Angebot noch einmal ausgeweitet. Inzwischen verfügt das Ethno Medizinische Zentrum über bis zu 300 Dolmetscher für 50 Sprachen in Hannover und anderen Teilen Niedersachsens. Bundesweit gibt es mittlerweile mehr als 20 Standorte, darunter Büros in München, Hamburg, Berlin und Mannheim.

Ramazan Salman kennt die Bedeutung von Sprache als Hilfe aus eigener Erfahrung. Er kam Ende der 1960er Jahre als Kind mit seiner Familie aus der Türkei nach Deutschland. Da er schnell Deutsch lernte, übersetzte er schon früh für Eltern, Verwandte und Freunde bei Behördengängen, Arztbesuchen und im Krankenhaus. Später studierte er Sozialwissenschaften und gründete vor fast 30 Jahren mit Kommilitonen das Ethno Medizinische Zentrum, um die gesundheitliche Versorgung von Migranten zu verbessern. Es war damals nach seinen Angaben der erste Dolmetscherdienst dieser Art in Deutschland.

Die Arbeit der Dolmetscher geht weit über bloße Sprachkenntnisse hinaus. Nach Angaben des EMZ müssen die eingesetzten Kräfte nicht nur sicher in beiden Sprachen sein, sondern sich auch mit komplizierten Krankheitsbildern und kulturellen Besonderheiten auskennen. In umfangreichen Schulungen werden Dolmetsch- und Recherchetechniken vermittelt, Fachbegriffe aufgefrischt und rechtliche Grundlagen erklärt. Auch der Umgang mit belastenden Gesprächen wird trainiert. Regelmäßige Supervisionen sollen helfen, mit Situationen umzugehen, in denen es oft um Leben und Tod geht.

Der Bedarf an Übersetzungen steigt weiter. Im Jahr 2025 waren für das Projekt Kleine Herzen Hannover insgesamt 57 Dolmetscher bei 148 Einsätzen tätig. Gedolmetscht wurde in 18 Sprachen, darunter Arabisch, Dari, Farsi, Französisch, Kurdisch, Mazedonisch, Paschtu, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Spanisch, Türkisch und Ukrainisch. Die häufigsten Einsätze fanden in arabischer Sprache statt. Insgesamt wurden bisher nach Angaben des Vereins rund 40.000 Euro aus Spendenmitteln für das Projekt eingesetzt. In der jährlichen Budgetplanung werden vorsorglich 10.000 Euro dafür eingeplant.

Für ihre Arbeit erhielten die Projektpartner bereits mehrere Auszeichnungen. Direkt nach der Gründung wurde das Projekt mit dem Integrationspreis des Deutsch-Türkischen Netzwerkes geehrt. 2016 folgte für das Dolmetscher-Projekt ein Sonderpreis im Bereich Bildung und Soziales beim Innovationspreis des Landkreises Göttingen. 2022 erreichten die Kleinen Herzen zudem den ersten Platz bei der Charity-Aktion „Holtzmann & Friends. Gemeinsam stark!“.

Auch aus Fachkreisen gibt es Anerkennung. Sebastian Kahnt, Geschäftsführer des Bundesverbands Herzkranke Kinder, bezeichnet das Dolmetscher-Projekt als erfolgreich und wertvoll. Dass sich inzwischen andere Vereine bis nach Süddeutschland nach den Erfahrungen aus Hannover erkundigten, zeige, wie groß der Bedarf und das Interesse an dieser Idee seien.

Für die Zukunft wünscht sich Ramazan Salman eine noch engere Zusammenarbeit mit dem Verein sowie mehr Bewusstsein in Politik und Gesellschaft für die Bedeutung solcher Angebote. Besonders wichtig sei aus seiner Sicht, den Bedarf auch über den Klinikaufenthalt hinaus mitzudenken, etwa bei einer anschließenden Rehabilitation. Seine Hoffnung ist, dass dieses Thema irgendwann nicht mehr allein von Vereinen getragen werden muss, sondern als staatliche Aufgabe anerkannt wird.

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